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Wildkrankheiten

Folgen einer verfehlten Wirtschaftsform?

Maul- und Klauenseuche (MKS)

MKS und die Tierarten
Grundsätzlich können sich alle Klauentiere mit MKS infizieren. Betroffen sind aber insbesondere die Haustiere (Rinder, Schweine, Ziegen, Schafe). Die Infektionsgefahr für und unter wildlebenden Tieren ist relativ gering. Bei freilebenden Wildtieren sind in den letzten Jahrzehnten keine Infektionen verzeichnet worden.
Der Infektionsdruck geht im Falle der Maul- und Klauenseuche von den Haustieren aus. Eine Übertragung zwischen Wild- und Haustieren ist über die Kleidung der Jäger möglich und natürlich steigt mit der Bestandsdichte des Wildes im Falle eines Seuchenzuges auch die Gefahr für einen seuchenhaften Verlauf unter Wildtieren an. Am ehesten aber ist dieses in Wildgattern zu erwarten.
Übrigens ist eine Übertragung auch auf Kaninchen und Igel möglich, und auch der Mensch kann sich infizieren. Für ihn verläuft die Infektion in der Regel aber harmlos.
Wer potentiell mit MKS Viren in Kontakt gewesen ist und Fahrzeuge und Gummikleidung desinfizieren möchte, kann zweiprozentige Natronlauge verwenden. Für textile Kleidungsstücke sind andere Desinfektionslösungen im Handel zu erwerben.
Übertragung
Die Viren der hochinfektiösen Maul- und Klauenseuche werden mit dem Speichel oder der Wundflüssigkeit aus aufplatzenden, krankheitsbedingten Blasen verbreitet. Bereits während der Inkubationszeit, die bis zu 9 Tagen dauert, erfolgt die Ausscheidung der Viren mit den Speichel.
Eine Übertragung ist direkt von Tier zu Tier durch Körperkontakt möglich, aber auch indirekt über das Futter kann es zu einer Infektion kommen. Ebenso ist eine Übertragung der Viren durch Menschen und über deren Kleidungsstücke möglich.
Folgen
Nach der Übertragung verteilen sich die Viren im Körper und verursachen Blasenbildungen auf der Zunge, der Mundschleimhaut und im Schalenbereich. Durch das Aufbrechen dieser Blasen entstehen zerklüftete Zellbezirke, die schließlich nach einer Schorfbildung abheilen. Gelegentlich kann es im Laufe der Zeit zur Abstoßung der Schalen kommen, was meistens Sekundärinfektionen provoziert. Häufig verursacht die MKS Herzmuskelentzündungen wodurch vor allem Rehkitze häufig sterben (BOCH/SCHNEIDAWIND).
An lebenden Tieren deutet am ehesten ein humpelnder Gang oder Durchfall auf MKS hin, allerdings können diese Symptome auch auf andere Krankheiten hinweisen.
Das Virus
Das weltweit verbreitete Virus der Maul- und Klauenseuche ist außerordentlich widerstandsfähig gegenüber äußeren Einflüssen. Kälte und Trockenheit beeinträchtigen das Virus überhaupt nicht. Für die Umweltbedingungen unserer Breiten geben BOCH/SCHNEIDAWIND eine Infektionsdauer in freier Natur von 11-20 Tagen an.
Impfen?
Eine Wiedereinführung der Impfung von Schlachttieren würde zwar dazu führen, dass in kurzer Zeit keine Erkrankungen mehr auftreten. Gleichzeitig erwirbt sich die Gesellschaft damit aber eine nicht mehr abzulegende Verpflichtung zur Impfung. Nach einer Beendigung der Impfphase würden die trotz Impfung latenten MKS Viren sofort zu einem erneuten Ausbruch der Seuche führen. Die Impfung der Haustiere führt also nicht zur Ausrottung der Seuche, sondern unterdrückt sie lediglich.
Weiterhin sprechen wirtschaftliche Erwägungen gegen die Impfung: Länder, die ihre Schlachttiere gegen MKS impfen, gelten weltweit als nicht MKS-frei und dürfen deshalb in viele Länder kein Fleisch einführen. Bislang hat die Bundesrepublik aus genau diesem Grund vielen Ländern die Einfuhr von Fleisch untersagt und gleichzeitig in großem Ausmaß Fleisch exportiert.
Im Moment ist ein Übergreifen der Maul- und Klauenseuche auf Deutschland wahrscheinlich. Sollte es dazu kommen, sind auch Wildtiere gefährdet. Nach dem Tierseuchengesetz ist die Maul- und Klauenseuche anzeigepflichtig. Das Wildpret gilt offiziell, bis auf krankhaft veränderte Teile als genusstauglich. Tatsächlich aber muss ein betroffenes Stück Wild unverzüglich vom zuständigen Veterinäramt unschädlich beseitigt werden. Kranke Tiere sind also im Falle einer Infektion zu erlegen und abzuliefern.


BSE
Potentiell sind Prionenkrankheiten auch auf Wildtiere übertragbar. Allerdings wurden bislang bei heimischem Wild keine Erkrankungen diagnostiziert. Durch den Kontakt mit Risikomaterialien (s.u.) ist eine Übertragung aber möglich.
Was sind Prionenkrankheiten?
Die bovine spongiforme Encephalopathie (BSE) gehört, wie auch die Creutzfeld-Jakob-Krankheit zu den Prionenkrankheiten. Diese Krankheiten führen zu einer schwammartigen Degeneration des Gehirns und zur Bildung von Vakuolen.
Prionen und eine genetische Disposition werden heute zu den wichtigen Ursachen von spongiformen Encephalopathien gezählt. Eine Erkrankung hat also mindestens zwei Komponenten. Zum einen sind es die proteinartigen infektiösen Agenzien ohne Nukleinsäure. Damit ist auch schon der Unterschied zu den Viren genannt: Prionen haben keine isolierbaren Nukleinsäuren. Es sind Eiweiße, die sich im Falle der pathologischen, fehlgefalteten Variante im Zellinneren ablagern und zur Zerstörung der Zellen führen.
Zusätzlich bestimmt ein Gen (scrapie incubation period gene) über die Dauer der Inkubationszeit, die Jahre bis Jahrzehnte dauern kann, je nachdem wie die Allele codiert sind. Fälschlicherweise wird hin und wieder auch von Resistenzen gegen BSE gesprochen, weil die Inkubationszeit die Lebensdauer mancher Tiere übersteigt.
Wie entsteht CJD (Creutzfeld-Jacob-Disease)?
Über die Ursachen der nach ihren Entdeckern Hans Creutzfeld und Alfons Jakob benannten Krankheit herrscht noch keine Einigkeit. Die gängigste Hypothese ist, dass die Scrapie der Schafe der Ursprung von BSE ist. Die Prionen aus erkrankten Schafen gelangen über die Verfütterung von Tiermehl in den Verdauungstrakt der Rinder, von dort in die Lymphe und schließlich in das Gehirn. BSE überwindet wiederum die Artgrenze vom Rind zum Mensch.
Die Scrapie (engl. to scrape = schaben) war schon im 18. Jahrhundert bekannt. Sie verbreitete sich zwischen Schafen und auch eine Übertragung auf Nerze wird inzwischen für möglich gehalten, was die Theorie des Schaf-Rind-Mensch-Speziessprung untermauert. Für Rinder wurde die Krankheit erst durch die Verfütterung von Tiermehl von Schafen valent, das dem Futter der Rinder zur Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität beigemischt wurde. BSE wurde 1986 in Großbritannien entdeckt und betrifft heute in Form von CJD die Menschen auf der ganzen Welt, mindestens aber in ganz Europa. Typische Symptome sind Muskelkontrollverlust, Lähmungen, Schwachsinn und Schlaflosigkeit. Die Krankheit endet in jedem Fall tödlich. Gegenmittel sind nicht bekannt.
Schutzmaßnahmen
Über Schutzmaßnahmen müssen die VerbraucherInnen zum Teil selbst entscheiden. Die Wissenschaft konnte die Infektionslage nicht definitiv klären. Im Moment wird neben der Schaf-Rind-Mensch Übertragungskette als Ursache von BSE auch noch die Möglichkeit von Spontanmutationen bei Rindern selbst und der Einfluss von Umweltgiften diskutiert. Sicher ist, dass eine Übertragung der Prionen über die Nahrung möglich ist, auch auf Wildtiere. Die EU-weit verordnete Maßnahme, die risikoreichsten Teile von Tieren, also Rückenmark, Gehirn, lymphatische Organe und die Augen nicht mehr zur Weiterverarbeitung zuzulassen, ist also gerechtfertigt. Genauso gerechtfertig ist das generelle Verbot der Bundesregierung, Tiermehl zu verfüttern. Über diese Maßnahmen hinaus müssen die VerbraucherInnen bislang selbst entscheiden. Es liegen keine ausreichenden wissenschaftlichen Untersuchungen vor, und auch die BSE-Lebendtests sind noch nicht serienreif. Bisher wird davon ausgegangen, dass Produkte wie Milch oder das Fleisch von Geflügel und Schweinen risikofrei sind. Auch die Scrapie bei Schafen wird bislang nicht als Zoonose (auf Menschen übertragbare Tierkrankheit) angesehen. Gelatineprodukte gelten ebenfalls als sicher, weil der Verarbeitungsprozess aggressive Säuren und Laugen beinhaltet. Die Meinungen über Rindfleisch divergieren stark. Muskelfleisch enthält wesentlich weniger Prionen als Gehirn oder lymphatische Organe. Eine Infektion kann trotzdem nicht ausgeschlossen werden. Möglicherweise werden schon bald auch bei bislang als ungefährlich taxierten Tierarten spongiforme Encephalopathien gefunden werden.
Die politische Komponente
Viele Politiker haben lange Zeit behauptet, dass Deutschland, oder wenigstens Teile davon, BSE-frei seien. Auf der Homepage einer großen deutschen Volkspartei war noch im Dezember 2000 zu lesen, dass die Entscheidung, die "Risikomaterialien" der Nahrungskette zu entnehmen "unverständlich, unbegründet und nicht nachvollziehbar" sei und den deutschen Bauern zusätzliche Kosten in Höhe von 70 Millionen Mark aufbürden würde.
In der Tat bedeutet das Auftreten weiterer BSE-Fälle eine Katastrophe für die deutsche Landwirtschaft. Eine viel größere Katastrophe wären allerdings zahllose CJD-Fälle, die in einigen Jahren nach der langen Inkubationszeit der Krankheit auftreten könnten. Dafür würde niemand die politische, noch könnte jemand die moralische Verantwortung übernehmen. Die einzige ethisch vertretbare Möglichkeit, die Finanzen der Rinderzüchter zu schonen, ist die schnelle Fertigstellung des momentan in Schweizer Labors in der Entwicklung befindlichen BSE-Lebendtests. Erst wenn alle Tiere getestet sind, werden wir wissen, welche Teile Deutschlands BSE-frei sind.
Eine weitere nicht zu vermeidende Diskussion beschäftigt sich mit der Frage der Finanzierung der bevorstehenden Untersuchungen und möglichen Notschlachtungen. Die Wirtschaft fordert einen vollen Ausgleich der durch das Tiermehl Fütterungsverbot entstehenden Verluste. Es eröffnet sich also die Frage, ob unternehmerische Verantwortung neben der Einnahmenseite nicht auch mögliche Risiken beinhaltet. Möglicherweise müsste über Entschädigungen in eine ganz andere Richtung nachgedacht werden. Wer bezahlt die volkswirtschaftlichen Schäden, die durch CJD am Menschen entstehen? Durch eine übereilte Unterstützung der Fleischerzeuger und Verarbeiter würde mindestens ein falsches Signal gesetzt werden: Ein Signal zur Aufrechterhaltung der Massentierhaltung.
Im Grunde hätte unsere Gesellschaft schon 1988 Konsequenzen aus dem BSE Skandal in Großbritannien ziehen und vom lokalen Fleischerfachbetrieb einen lückenlosen Nachweis über die Herkunft der Schlachttiere und die verwendeten Futtermittel fordern müssen. Das ist nicht geschehen. Genauso wenig hat es die damalige Bundesregierung für notwendig erachtet, die Bevölkerung konsequent durch eine Politik der Abkehr von der Massenproduktion, durch Herkunftsnachweise und Untersuchungen zu schützen. Warum? Diese Frage ist heute nicht zu beantworten. Und auch heute ist keine gesamtgesellschaftliche Abkehr vom Fleisch-Massenkonsum in Sicht, weil fast niemand bereit ist, entschieden höhere Preise für Fleisch zu bezahlen. Zusätzlich bleibt der Verdacht von grassierendem (spongiformem?) Lobbyismus. Wären sowohl der Fleisch-Massenkonsum als auch der Lobbyismus nicht derart fest in unserer Gesellschaft verankert, dann könnten wesentlich schneller lokale Formen der Fleischproduktion umgesetzt werden die beides, BSE und MKS, zur Randerscheinung degradieren würden.

Matthias Riemer


Krankheiten des Rehwildes

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